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Ukraine-Verhandlungen ohne Europa: Warum wir am Katzentisch sitzen

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Über die Ukraine verhandeln Amerikaner, Russen und bald Chinesen. Europa sitzt nicht am Tisch

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Am 10. und 11. November verhandeln Amerikaner, Russen und Ukrainer in Abu Dhabi über den Krieg in Europa. Eine Woche später will Putin in Shenzhen mit Trump und Xi reden. Die Europäer werden heute in Brüssel informiert. Am Verhandlungstisch sitzen sie nicht. Hier stehen die Quellen zu allen Zitaten und Terminen in meinem Video. Was Tatsache ist, belegen die Fußnoten. Was meine Bewertung ist, steht als solche da.

Vorweg: Das Video war bereits gedreht, als gestern, am 3. November, die Meldungen vom Besuch Selenskyjs bei Bundeskanzler Merz in Berlin kamen. Dort fielen Sätze, die genau mein Thema treffen. Selenskyj: Es könne keinen stabilen Frieden geben, „wenn Europa nicht am Verhandlungstisch sitzt“. Merz: „Wenn die Ukraine am Tisch sitzt, dann sitzt Europa mit am Tisch.“1 Was ich davon halte, steht am Ende dieses Beitrags.

Wer gerade verhandelt

Am 20. Oktober 2026 traf Trumps Unterhändler Steve Witkoff in Oslo Präsident Selenskyj, die Regierungschefs Norwegens und Finnlands sowie Vertreter von EU und NATO. Am Tag darauf saß er rund drei Stunden bei Putin in Sankt Petersburg. Danach erklärte Putins Berater Uschakow, Russland sei bereit, die Gespräche mit Washington und Kiew wieder aufzunehmen, möglicherweise Mitte November in Abu Dhabi.2 Inzwischen steht der Termin: Witkoff kündigte die Runde Russland, Ukraine, USA für den 10. und 11. November in Abu Dhabi an. Der Kreml bestätigte eine Delegation unter Wladimir Medinski.3

Die Europäer sitzen dort nicht am Tisch. Vorher, heute am 4. November, treffen sich amerikanische Vertreter in Brüssel mit Vertretern Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, der NATO und der EU, auf der Ebene der nationalen Sicherheitsberater; Thema ist vor allem der Wiederaufbau. Die Bundesregierung rechnet mit einer „europäischen Präsenz“ in Abu Dhabi, aber ohne Sitz am Verhandlungstisch.4 Uschakow sagte dazu am 28. Oktober: Die Europäer könnten nach Abu Dhabi kommen, wenn sie Tickets kauften, aber niemand habe vor, sie an den Verhandlungstisch einzuladen.5 Ein eigenes Verhandlungsteam bereiten Kommission und Rat erst jetzt vor; leiten soll es Björn Seibert, der Kabinettschef von Ursula von der Leyen.6

Und dann Shenzhen: Dort treffen sich am 18. und 19. November die Staaten der Asien-Pazifik-Runde zum Gipfel. Putin hat vorgeschlagen, sich bei dieser Gelegenheit mit Trump und Xi zusammenzusetzen; die Ukraine ist nicht eingeladen.7 Trump erklärte sich bereit, „nicht so sehr wegen der Ukraine“, denn Russland sei mit der Ukraine „ganz gut zurechtgekommen“; es solle vor allem um Atomwaffen gehen.8 Stand 4. November ist das Treffen in Vorbereitung, aber nicht bestätigt; der Kreml hofft auf eine Entscheidung „in den kommenden Tagen“, Peking hält sich bedeckt.9

Washington geht derweil auf Moskau zu. Am 16. Oktober setzte Trump per Erlass die Strafmaßnahmen und Zölle des Sanktionsgesetzes gegen Russland „bis auf Weiteres“ aus, aus „nationalem Interesse“.10 Seine Regierung prüft, ob sie die Sanktionen gegen den russischen Staatsfonds RDIF aufhebt; Moskau bestätigt die Gespräche. Am 31. Oktober sagte Trump allerdings, derzeit hebe man nichts auf.11 Europa dagegen hält rund 210 Milliarden Euro russischer Zentralbankgelder fest, davon 204 Milliarden bei Euroclear in Belgien, und sichert den Kredit von 90 Milliarden Euro an die Ukraine über den EU-Haushalt ab.12

Meine Bewertung: Die Amerikaner bestellen, und wir bekommen die Rechnung.

Seit 2025 am Katzentisch

Neu ist das nicht. Am 18. Februar 2025 trafen sich Rubio und Lawrow in Riad, viereinhalb Stunden, ohne Ukrainer und ohne Europäer.13 Am 15. August 2025 empfing Trump Putin in Alaska, unter vier Augen.14 Im November 2025 wurde der amerikanische 28-Punkte-Plan über die Presse bekannt. Die EU-Außenbeauftragte Kallas auf die Frage, ob Europa beteiligt gewesen sei: „Nicht, dass ich wüsste.“15

Im Februar 2026 stritt die EU, ob sie selbst mit Putin reden solle. Frankreich und Italien waren dafür, Deutschland dagegen.16 Bundeskanzler Merz hatte am 29. Januar 2026 gesagt, er sehe aktuell „keine Notwendigkeit, zusätzliche Gesprächskanäle zu eröffnen“.17 Neun Monate später läuft Europa hinterher.

Was Europa will

Offiziell will Europa einen gerechten und dauerhaften Frieden. Das klingt gut. Nur sagt Moskau dasselbe. Meine Bewertung: Ein dauerhafter Frieden ist kein Ziel, über das man verhandeln kann. Er ist eine Überschrift.

Konkret will Europa etwas anderes: einen Waffenstillstand, und dann Truppen in der Ukraine. Am 4. September 2025 erklärte Macron in Paris, 26 Staaten der „Koalition der Willigen“ seien bereit, nach einem Waffenstillstand Truppen zur Absicherung zu entsenden.18 Am 6. Januar 2026 unterzeichneten Frankreich, Großbritannien und die Ukraine in Paris eine Erklärung als Grundlage für eine multinationale Truppe unter europäischer Führung. Merz sagte, Deutschland könne nach einem Waffenstillstand Kräfte „auf benachbartem Nato-Gebiet“ einmelden und schließe „grundsätzlich nichts aus“; entscheiden müssten Bundesregierung und Bundestag.19

Genau diese Truppen will Russland nicht. Putin sagte am 5. September 2025 in Wladiwostok: Tauchten ausländische Truppen in der Ukraine auf, gehe Russland davon aus, dass sie „ein legitimes Ziel“ seien. Für einen dauerhaften Frieden brächten sie keinen Nutzen.20

Meine Bewertung: Europa verlangt also das, was Moskau ausdrücklich ablehnt. Aus Sicht der Mediation ist das keine Verhandlungsposition. Das ist ein Abbruch mit Ansage.

Die Interessen der Gegenseite

Europas Haltung, verkürzt: Das ist ein imperialistischer Krieg, legitime Interessen hat Russland nicht. Das kann man so sehen. Aber wer sich mit den Interessen der Gegenseite nicht beschäftigen will, spielt für eine Verhandlung keine Rolle. Das ist keine Moral, das ist Handwerk.

Russland will eine neutrale Ukraine: ohne NATO, ohne NATO-Truppen, ohne NATO-Gerät. War die Ukraine eine Bedrohung? Das sieht jede Seite anders. In der Kommunikation gilt: Der Empfänger bestimmt die Botschaft. Tatsache ist: Im Februar 2019 schrieb die Ukraine den Beitritt zu EU und NATO als strategisches Ziel in ihre Verfassung, mit 334 von 450 Stimmen.21

Meine Bewertung: Die Ukraine ist schon vor 2022 sehr russlandfeindlich aufgetreten.

Das unbequeme Eingeständnis

Warum redet Europa nicht über diese Neutralität? Meine Bewertung: Weil es dann etwas zugeben müsste.

Ende März 2022 einigten sich Unterhändler beider Seiten in Istanbul auf ein Kommuniqué; der letzte Entwurf datiert vom 15. April 2022. Kern: eine dauerhaft neutrale Ukraine mit Sicherheitsgarantien. Die Verhandlungsforscher Samuel Charap und Sergey Radchenko haben die Entwürfe 2024 ausgewertet. Ihr Befund: Die westlichen Partner Kiews zögerten, sich auf eine Verhandlung mit Russland einzulassen und die Garantien zu übernehmen.22 Wer heute über Neutralität verhandelt, räumt ein: Das hätten wir schon damals haben können. Ohne Hunderttausende Tote, ohne Millionen Flüchtlinge, ohne Kosten von Hunderten Milliarden. Über Istanbul kommt bald ein eigenes Video.

Die Glaubwürdigkeit

Warum sollte Moskau in Europa einen Verhandlungspartner sehen? Europa hat Sanktionen verhängt, Paket um Paket. Es hält Russlands Geld fest. In der Nacht zum 1. März 2026 enterten belgische Spezialkräfte in der Nordsee den Tanker „Ethera“ der russischen Schattenflotte, auf dem Rückweg nach Russland, und brachten ihn nach Zeebrügge.23 Am 12. Oktober 2026 enterte die französische Marine den Tanker „DF Peak“ im Indischen Ozean, südlich von Réunion.24 Aus Moskauer Sicht führt Europa einen hybriden Krieg gegen Russland.

Zwar sagte Uschakow am 25. Oktober, es reiche nicht, nur mit Kiew zu reden, man müsse „mit ganz Europa sprechen“.25 Aber worüber, wenn Europa kein Angebot hat und auf Truppen besteht?

Meine Bewertung: Wer Waffen liefert, wird zumindest politisch zur Partei. Und wer Partei ist, kann nicht vermitteln. Er kann nur verhandeln. Dafür braucht er ein Angebot.

Wohin das führt

Russland verfolgt sein Ziel weiter auf dem Schlachtfeld: Die Ukraine soll keine Bedrohung mehr darstellen. Ob es damit Erfolg hat, ist umstritten. Meine Bewertung: Ich vermute, Russland ist dabei, die Ukraine zu einem deindustrialisierten Rumpfstaat zu machen, ohne Zugang zum Meer, auf lange Jahre auf Hilfe angewiesen. Wenn es so kommt, gibt es keinen Verhandlungsfrieden, sondern einen Diktatfrieden. Ganz oben darin: keine NATO-Truppen und kein NATO-Gerät in der Ukraine. Dann bekommt Moskau, was 2022 in Istanbul vereinbart werden sollte, nur zu einem viel höheren Preis. Für die Ukraine und für uns.

Diese Entwicklung ist die absehbare Folge zweier Entscheidungen vom Februar 2022. Am 26. Februar 2022 beschloss die Bundesregierung, der Ukraine 1.000 Panzerfäuste und 500 Stinger-Raketen zu liefern, und gab damit ihre bisherige Ablehnung von Waffenlieferungen in Krisengebiete auf.26 Am Tag darauf sprach Kanzler Scholz im Bundestag von der „Zeitenwende“.27

Was folgt

Unter Diplomaten heißt es: Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte. Europa müsste dreierlei tun. Erstens einen Unterhändler schicken, der entscheiden darf. Zweitens die Interessen der Gegenseite ernst nehmen, auch wenn sie einem nicht gefallen. Drittens die eigenen benennen: Frieden an der Ostgrenze, bezahlbare Energie und eine gerechte Verteilung der Kosten.

Sitzt Europa weiter nicht am Tisch, entscheiden Washington, Moskau und Peking über unsere Sicherheit. Und wir zahlen. Für ein Essen, das andere bestellt haben.

Nachtrag: Das Treffen in Berlin

Das Video war gedreht, bevor die Meldungen aus Berlin kamen. Was dort gesagt wurde, bestätigt den Befund. Merz: „Europa muss und will in diesem Prozess eine Rolle spielen.“ Sanktionen und Sicherheitsarchitektur könnten „nur mit uns Europäern gelöst werden“. Auf die Frage, ob er Russland zu Verhandlungen bereit sehe: „Ich sehe das bisher nicht.“ Angekündigt wurden ein Gipfel der Koalition der Willigen am 19. November in Berlin und 200 Millionen Euro zusätzliche Winterhilfe für die Ukraine.28 Zur Frage, was Europa Moskau anbieten könnte, fiel kein Wort.

Meine Bewertung: „Wenn die Ukraine am Tisch sitzt, sitzt Europa mit am Tisch“ ist kein Sitz am Tisch. Es ist die Hoffnung, dass ein anderer für einen spricht. Europa will eine Rolle spielen, hat aber weiterhin kein Angebot und keinen Unterhändler, der entscheiden darf. Hilfe ist richtig, aber Hilfe ist kein Angebot. In Abu Dhabi wird nächste Woche ohne uns verhandelt, und der Gipfel in Berlin kommt acht Tage danach.

Sehen Sie das anders? Schreiben Sie es mir.

Fußnoten

  1. Bundesregierung, Pressekonferenz am 03.11.2026: BUNDESREGIERUNG – PRESSEKONFERENZ MERZ UND SELENSKYJ
  2. Al Jazeera, 21.10.2026: AL JAZEERA – WITKOFF IN OSLO UND SANKT PETERSBURG
  3. ZDFheute, 03.11.2026: ZDFHEUTE – SELENSKYJ IN BERLIN dpa über ad-hoc-news, 03.11.2026: DPA – VERHANDLUNGEN IN ABU DHABI
  4. ZDFheute, 03.11.2026: ZDFHEUTE – SELENSKYJ IN BERLIN Ukrajinska Prawda, 03.11.2026: UKRAJINSKA PRAWDA – TREFFEN IN BRÜSSEL AM 4. NOVEMBER
  5. Berliner Zeitung, 28.10.2026: BERLINER ZEITUNG – USCHAKOW ÜBER DIE EUROPÄER
  6. Euronews, 28.10.2026: EURONEWS – EUROPA BEREIT ZU GESPRÄCHEN
  7. Euronews, 19.10.2026: EURONEWS – PUTIN SCHLÄGT DREIERGIPFEL VOR
  8. Euronews, 20.10.2026: EURONEWS – TRUMP BEREIT ZUM TREFFEN IN CHINA
  9. The Moscow Times, 03.11.2026: MOSCOW TIMES – DREIERGIPFEL IN VORBEREITUNG
  10. ZDFheute, 17.10.2026: ZDFHEUTE – TRUMP SETZT SANKTIONEN AUS
  11. Anadolu, 28.10.2026: ANADOLU – USA PRÜFEN RDIF-SANKTIONEN Salzburger Nachrichten (APA/Reuters), 29.10.2026: SALZBURGER NACHRICHTEN – GESPRÄCHE ÜBER SANKTIONEN TASS, 31.10.2026: TASS – TRUMP ZU DEN RDIF-SANKTIONEN
  12. Berliner Zeitung, 30.10.2026: BERLINER ZEITUNG – EUROCLEAR 204 MILLIARDEN ZDFheute, 19.12.2025: ZDFHEUTE – EU-GIPFEL 90-MILLIARDEN-KREDIT
  13. ZDFheute, 18.02.2025: ZDFHEUTE – RIAD 2025
  14. ZDFheute, 16.08.2025: ZDFHEUTE – ALASKA 2025
  15. Euronews, 20.11.2025: EURONEWS – 28-PUNKTE-PLAN
  16. Euronews, 10.02.2026: EURONEWS – EU-STREIT ÜBER GESPRÄCHE MIT PUTIN
  17. dpa-AFX über finanznachrichten.de, 29.01.2026: DPA-AFX – MERZ KEINE ZUSÄTZLICHEN GESPRÄCHSKANÄLE
  18. ZDFheute, 04.09.2025: ZDFHEUTE – KOALITION DER WILLIGEN IN PARIS
  19. ZDFheute, 07.01.2026: ZDFHEUTE – ERKLÄRUNG VON PARIS Deutscher Bundeswehrverband, 07.01.2026: BUNDESWEHRVERBAND – SCHUTZTRUPPE FÜR DIE UKRAINE
  20. ORF, 05.09.2025: ORF – PUTIN: LEGITIME ZIELE
  21. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: LANDESZENTRALE BW – UKRAINE, EU UND NATO ConstitutionNet, 08.02.2019: CONSTITUTIONNET – VERFASSUNGSÄNDERUNG 2019
  22. Samuel Charap und Sergey Radchenko, Foreign Affairs, April 2024: FOREIGN AFFAIRS – CHARAP UND RADCHENKO Interview mit beiden bei WBUR/NPR, 06.05.2024: WBUR – INTERVIEW CHARAP UND RADCHENKO deutsche Zusammenfassung bei Telepolis, 16.05.2024: TELEPOLIS – ISTANBUL 2022
  23. ESUT, 03.03.2026: ESUT – BELGIEN SETZT TANKER FEST Berliner Zeitung, 01.03.2026: BERLINER ZEITUNG – TANKER IN DER NORDSEE
  24. Euronews, 12.10.2026: EURONEWS – FRANZÖSISCHE MARINE ENTERT TANKER
  25. Euronews, 28.10.2026: EURONEWS – EUROPA BEREIT ZU GESPRÄCHEN Berliner Zeitung, 28.10.2026: BERLINER ZEITUNG – USCHAKOW ÜBER DIE EUROPÄER
  26. t-online, 27.02.2022: T-ONLINE – KURSWECHSEL BEI WAFFENLIEFERUNGEN epd über evangelisch.de, 27.02.2022: EPD – WAFFEN AUS BUNDESWEHRBESTÄNDEN
  27. Regierungserklärung vom 27.02.2022: BUNDESREGIERUNG – ZEITENWENDE-REDE
  28. Bundesregierung, Pressekonferenz am 03.11.2026: BUNDESREGIERUNG – PRESSEKONFERENZ MERZ UND SELENSKYJ Salzburger Nachrichten (APA/dpa), 03.11.2026: SALZBURGER NACHRICHTEN – MERZ UND SELENSKYJ Tagesspiegel, 03.11.2026: TAGESSPIEGEL – MERZ UND SELENSKYJ

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