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Transatlantizismus

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Ukraine, Gaza, Iran, China

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Wer noch nicht gemerkt hat, dass es in Deutschland mit fast allem bergab geht, muss diesen Beitrag nicht lesen. Wer darüber streiten will, warum das so ist und was man ändern könnte: Das hier ist ein Angebot zur Debatte. Es geht ausnahmsweise nicht um Recht, sondern um Politik. Um die Frage, an wessen Seite wir in den Konflikten stehen, die über unseren Wohlstand entscheiden. Was folgt, ist meine Meinung; die Tatsachen, auf die ich sie stütze, sind in den Fußnoten belegt.

Der Befund

Die Deindustrialisierung ist eine Tatsache. Vor zehn Jahren hat man mich ausgelacht, wenn ich davor gewarnt habe. Heute bestreitet niemand mehr, dass massenhaft Industriearbeitsplätze verloren gehen: 2025 allein rund 124.000, seit 2019 über 266.000.1 Die Autobranche, das Rückgrat unserer Wirtschaft, steckt in einer tiefen Krise. Mitte 2026 arbeiteten dort noch 691.500 Menschen, so wenige wie seit 2005 nicht mehr.2 Bei der Innovation haben uns die Chinesen längst überholt: Bei den internationalen Patentanmeldungen lag China 2025 mehr als viermal so hoch wie Deutschland, und bei den Batterien für Elektroautos beherrschen zwei chinesische Hersteller mehr als die Hälfte des Weltmarkts.3

Dazu kommt, was jeder täglich sieht. Die Bahn ist immer seltener pünktlich: Im Fernverkehr kamen 2025 nur 60,1 Prozent der Züge pünktlich an, ein Tiefstand; im September 2026 waren es 52,4 Prozent.4 Die Schulen bringen unseren Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr ordentlich bei. Ein Drittel der Neuntklässler verfehlt in Mathematik den Mindeststandard, 2018 war es ein Viertel; bei PISA 2022 erzielte Deutschland in allen drei Bereichen die schlechtesten Werte, die je gemessen wurden.5 Das Gesundheitswesen leistet immer weniger, die Versorgung im Alter wird prekär. Wer ins Pflegeheim muss, zahlt seit Juli 2026 im Durchschnitt 3.364 Euro im Monat aus eigener Tasche.6 Nur teurer wird alles.

Nicht jeder spürt das. Wer, sagen wir, 120.000 Euro im Jahr verdient, im eigenen Haus mit Solardach wohnt, den Elektro-SUV vor der Tür, Schule und Krankenkasse privat, der muss den Abstieg nicht bemerken. Und weil er nur Bio kauft, glaubt er sogar, das mit dem Klima kriegt er auch noch hin.

Vier Konflikte

Über unseren Wohlstand und unsere Zukunft entscheiden gerade drei heiße Kriege und ein Konflikt, den man noch kalt nennen kann.

Erstens: der Ukraine-Krieg. Er ist unser Ur-Konflikt, und er spaltet dieses Land am tiefsten. Wer in Putin nicht den neuen Hitler sieht und Waffenlieferungen ablehnt, kommt in der Öffentlichkeit kaum zu Wort, und wenn doch, dann nur, um gesteinigt zu werden. Ur-Konflikt nenne ich ihn, weil es seit über hundert Jahren das Ziel angloamerikanischer Politik ist, Deutschland und Russland zu trennen. Erst verfolgten das die Briten, dann die USA, die von ihnen auch die Vormacht in der Welt geerbt haben. Das ist keine Verschwörungstheorie; die Strategen sagen es selbst. Der britische Geograf Halford Mackinder warnte schon 1904 vor einem Bündnis Deutschlands mit Russland, und der amerikanische Stratege George Friedman sprach im Februar 2015 in Chicago von der alten Furcht vor deutschem Kapital und deutscher Technik in Verbindung mit russischen Rohstoffen.7

Traurig ist: Die Transatlantiker, die bei uns den Ton angeben, haben dieses Ziel übernommen. Gegen unsere eigenen Interessen. Und es kostet. Wir haben uns selbst von der günstigen Energie abgeschnitten, mit der uns Russland seit dem Erdgas-Röhren-Geschäft von 1970 versorgt hat; das erste Gas floss 1973, das letzte über Nord Stream im August 2022.8 Weit über eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine, Ende Juni 2026 mehr als 1,3 Millionen, belasten Sozialsysteme, die ohnehin am Limit sind.9 Dazu Milliarden für Rüstung. Das überfordert uns offensichtlich.

Zweitens: der Gaza-Krieg. Damit meine ich den Krieg Israels in Gaza und im Westjordanland, für den wir Waffen liefern. Zwischen Oktober 2023 und Mai 2025 genehmigte die Bundesregierung Rüstungsexporte nach Israel für 485 Millionen Euro; ein Teilstopp vom August 2025 wurde im November 2025 wieder aufgehoben.10 Der Krieg reicht bis in den Libanon und nach Syrien. Dahinter steht der Traum von einem Großisrael. Direkt kostet uns dieser Krieg wenig. Aber mit unserer Staatsräson stehen wir an der Seite eines Landes, das der größte Teil der Welt als Schurkenstaat ansieht. Und viele Palästinenser, die bei uns leben, haben verständlicherweise ein Problem mit einem Bundeskanzler, der über Israels Angriffe sagt: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle.“11

Drittens: der Iran-Krieg. Als Israel und die USA am 28. Februar 2026 den Iran überfielen, war mir sofort klar: Deutschland und Europa stehen dabei auf der Verliererseite.12 Das hat sich bereits bestätigt, und richtig spüren werden wir es erst noch. Diesel kostete im April 2026 im Bundesdurchschnitt fast 2,45 Euro je Liter, so viel wie nie zuvor; im September folgte Super E10 mit einem Rekord von 2,27 Euro.13 Was Flugbenzin und Dünger, was Energie und Lebensmittel nächstes Jahr kosten, weiß niemand. Sicher ist: Jeder weitere Kriegsmonat verschlechtert unsere Lage. Und wenn dieser Krieg eskaliert, kommt aus Westasien vielleicht für Jahre nichts mehr von dem, was die Weltwirtschaft braucht.

Viertens: der China-Konflikt. Der Handelskrieg der USA gegen China, der Streit um Taiwan, die Spannungen zwischen China und Japan.14 Auch hier stehen wir an der Seite der USA und finden keine eigene Rolle. Auch hier kann es eskalieren, weit über Zölle und Sanktionen hinaus. Und schon jetzt brechen unsere Exporte nach China ein: 2025 um fast 10 Prozent, im ersten Halbjahr 2026 um weitere 12 Prozent.15

Der Westen, wie ich ihn kannte

Ich bin Mitte der Fünfzigerjahre geboren. Ich hatte das Glück, die Sechziger, Siebziger und Achtziger im Westen bewusst zu erleben. Seit der Wende lebe ich in Dresden. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA die Führungsmacht. Die Bundesrepublik profitierte enorm von ihrer Lage an der Front gegen den sozialistischen Block; es floss viel Geld zu uns. Deutschland hatte zwei Weltkriege angezettelt und verloren, beim ersten ist das etwas komplizierter. Trotzdem wurde es zum Wirtschaftswunderland. Deshalb sitzt der Glaube an die USA und an gemeinsame Werte so fest, nicht nur in der Politik, auch in der Bevölkerung.

Dazu kommt etwas ganz Menschliches: Wir betrachten das Fremde skeptisch. Das haben nicht die Deutschen erfunden. Und wenn man uns beibringt, der Russe sei finster, der Chinese könne nur kopieren, der Araber sei hinterhältig und die Mullahs reines Mittelalter, dann glauben wir das gern.

Was wir jetzt erleben

Und was erleben wir jetzt? Russland führt Krieg gegen die Ukraine. Aber gemessen an der Größe dieses Krieges tötet es weit weniger Zivilisten, als wir das von den USA oder von Israel kennen. Die Vereinten Nationen haben in der Ukraine seit Februar 2022 rund 16.400 getötete Zivilisten bestätigt. In Gaza meldet die Gesundheitsbehörde mehr als 70.000 Tote, im Irak starben nach dem Einmarsch von 2003 über 200.000 Zivilisten.16 Und Russland gewinnt. Es hat 2025 mehr Gelände erobert als 2023 und 2024 zusammen und hält rund ein Fünftel der Ukraine.17

China bestimmt immer mehr den technischen Fortschritt. Wir, das Autoland, lassen uns von einer Politik bremsen, die den Verbrennungsmotor verbieten will. In China fährt ein Hybridauto mit einer Tankfüllung und einer Batterieladung über 2.000 Kilometer und braucht unter drei Liter auf hundert.18 Und im Iran-Krieg zeigt sich: Das „Mullah-Regime“ ist nicht so rückständig. Es kann Israel und den USA Paroli bieten, und das Volk steht offenbar zu großen Teilen hinter ihm.

Wir nennen diese Länder noch immer die Achse des Bösen. Die meisten Menschen auf der Welt sehen die Bösen inzwischen eher im Westen. Und das lässt sich nicht auf Trump abschieben. Denn wir kriechen ihm auf den Schoß, wenn er andere Staaten überfällt und droht, eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit auszulöschen. Seine Worte am 7. April 2026: „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben und nie wiederkehren.“19

Fazit

Nach dem Ende des Kalten Krieges träumten wir vom Ende der Geschichte: die USA als einzige Weltmacht, wir als ihr privilegierter Partner.20 Heute ist der Lack ab. Russland und China sind stärker geworden. Und der Iran zeigt, dass es sich lohnen kann, einem amerikanischen Umsturzversuch zu widerstehen. Trump forderte die Iraner am ersten Kriegstag auf, ihre Regierung zu übernehmen; 1953 hat die CIA einen Umsturz im Iran selbst organisiert, wie sie 2013 eingeräumt hat.21

Ich halte es für falsch, sich jetzt noch auf die transatlantische Freundschaft zu berufen. Schon die Präsidenten vor Trump, Obama eingeschlossen, haben gegen die Interessen Deutschlands und Europas gehandelt. Unter Obama hörte die NSA das Handy der Bundeskanzlerin ab. Trump verhängte 2019 in seiner ersten Amtszeit Sanktionen gegen Nord Stream 2, die die Bundesregierung selbst als Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten bezeichnete. Und Biden versprach im Februar 2022, neben dem Bundeskanzler stehend, Nord Stream 2 ein Ende zu bereiten.22

Trump ist nur ehrlicher. Die Vasallen in Europa werden kannibalisiert, und er sagt es offen. Im Zollabkommen vom Sommer 2025 akzeptierte die EU 15 Prozent Zoll und stellte Energiekäufe für 750 Milliarden und Investitionen für 600 Milliarden Dollar in Aussicht; Trump nannte die Investitionen ein Geschenk, das die USA anlegen könnten, wo sie wollen.23

Der Transatlantizismus ist am Ende. Man kann das bedauern. Ignorieren sollte man es nicht. Wer daran festhält, hat nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren.

Sehen Sie das anders? Schreiben Sie es mir.

Fußnoten

  1. EY-Industriebarometer Q4 2025, 17.02.2026: EY – INDUSTRIEBAROMETER Q4 2025
  2. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung N057 vom 14.08.2026: DESTATIS – PRESSEMITTEILUNG N057/2026 Der Gewinn des VW-Konzerns sank 2025 um 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro: auto motor und sport, 10.03.2026: AUTO MOTOR UND SPORT – VW-GEWINN BRICHT EIN
  3. WIPO, Pressemitteilung vom 06.03.2026 (China 73.718, Deutschland 16.441 internationale Anmeldungen): WIPO – INTERNATIONALE PATENTANMELDUNGEN 2025 CATL und BYD zusammen 55 Prozent: electrive.net, 04.02.2026: ELECTRIVE – BATTERIE-WELTMARKT 2025 Beim Europäischen Patentamt liegt Deutschland noch knapp vor China.
  4. Deutsche Bahn, Geschäftsbericht DB Fernverkehr 2025: DEUTSCHE BAHN – GESCHÄFTSBERICHT FERNVERKEHR 2025 (PDF) Pünktlichkeitswerte September 2026: DEUTSCHE BAHN – PÜNKTLICHKEITSWERTE
  5. Kultusministerkonferenz zum IQB-Bildungstrend 2024, 16.10.2025: KMK – IQB-BILDUNGSTREND 2024 Deutscher Bildungsserver: DEUTSCHER BILDUNGSSERVER – IQB-BILDUNGSTREND 2024 zu PISA 2022: GEW: GEW – PISA 2022
  6. Verband der Ersatzkassen, Pressemitteilung vom 14.07.2026: VDEK – EIGENANTEILE IM PFLEGEHEIM
  7. Halford J. Mackinder, The Geographical Pivot of History, The Geographical Journal 23 (1904), S. 421–437. George Friedman, Vortrag „Europe: Destined for Conflict?“ beim Chicago Council on Global Affairs, Februar 2015: CHICAGO COUNCIL – GEORGE FRIEDMAN 2015
  8. DIW Berlin, Wochenbericht 14/1981, Erdgas aus der Sowjetunion: DIW – ERDGAS AUS DER SOWJETUNION (1981) zur Zerstörung von Nord Stream 1 und 2 am 26.09.2022: BT-Drs. 20/4303: BUNDESTAG – DRUCKSACHE 20/4303 (PDF)
  9. Bundeszentrale für politische Bildung, Demografie von Asylsuchenden in Deutschland, 20.08.2026: BPB – SCHUTZSUCHENDE IN DEUTSCHLAND
  10. Deutscher Bundestag, hib 187/2025: BUNDESTAG – HIB 187/2025 ZDFheute, 17.11.2025: ZDFHEUTE – RÜSTUNGSEXPORTE NACH ISRAEL
  11. Friedrich Merz im ZDF am Rande des G7-Gipfels, 17.06.2025, zu den israelischen Angriffen auf den Iran; das Wort hatte die Moderatorin in ihrer Frage gebraucht: ZDFheute: ZDFHEUTE – MERZ ZUR „DRECKSARBEIT“
  12. ZDFheute, 19.04.2026: ZDFHEUTE – IRAN-KRIEG zum Verlauf bis zum Scheitern der Waffenruhe im Juli: Berliner Zeitung, 21.07.2026: BERLINER ZEITUNG – IRAN-KRIEG ERKLÄRT
  13. ZDFheute, 14.09.2026: ZDFHEUTE – SPRITPREISE AUF REKORDHOCH
  14. US-Zölle von 145 Prozent auf chinesische Waren im April 2025: Stuttgarter Zeitung (dpa), 11.04.2025: STUTTGARTER ZEITUNG – ZOLLSTREIT USA–CHINA zum Streit zwischen China und Japan um Taiwan: NPR, 17.11.2025: NPR – CHINA, JAPAN UND TAIWAN
  15. Statistisches Bundesamt, Pressemitteilungen Nr. 056 vom 20.02.2026: DESTATIS – PRESSEMITTEILUNG 056/2026 und Nr. 296 vom 20.08.2026: DESTATIS – PRESSEMITTEILUNG 296/2026
  16. Ukraine: UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission, Stand Ende Juni 2026, UN News, 14.07.2026: UN NEWS – ZIVILE OPFER IN DER UKRAINE Gaza: Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza, die nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheidet, wiedergegeben von UN-OCHA: UN-OCHA – GAZA, STAND 1. JULI 2026 Irak: Iraq Body Count, zivile Gewaltopfer seit 2003 durch alle Konfliktparteien: IRAQ BODY COUNT
  17. Institute for the Study of War, nach ORF, 02.01.2026: ORF – ISW ZU RUSSISCHEN GELÄNDEGEWINNEN 2025
  18. BYD, Vorstellung der fünften Generation seiner Hybridtechnik am 28.05.2024: 2.100 Kilometer Gesamtreichweite, 2,9 Liter nach dem chinesischen NEDC-Zyklus (Herstellerangaben), CnEVPost: CNEVPOST – BYD DM 5.0
  19. Donald Trump auf Truth Social vor Ablauf seines Ultimatums an den Iran: „A whole civilization will die tonight, never to be brought back again.“ AP, 07.04.2026: AP – TRUMPS DROHUNG GEGEN DEN IRAN
  20. Francis Fukuyama, The End of History?, The National Interest Nr. 16 (1989); The End of History and the Last Man, New York 1992.
  21. NPR, 28.02.2026: NPR – ANGRIFF AUF DEN IRAN AM 28.02.2026 National Security Archive, 19.08.2013: NATIONAL SECURITY ARCHIVE – CIA UND DER UMSTURZ 1953
  22. Al Jazeera, 27.10.2013: AL JAZEERA – NSA UND MERKELS HANDY The Local (AFP), 22.12.2019: THE LOCAL – SANKTIONEN GEGEN NORD STREAM 2 CNBC, 07.02.2022: CNBC – BIDEN ZU NORD STREAM 2
  23. FactCheck.org, 26.08.2025: FACTCHECK.ORG – TRUMP ZU DEN EU-INVESTITIONEN

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