ALLES LEBEN IST KONFLIKTLÖSEN
Verstehen im Konflikt – Teil I
Alles Leben ist Konfliktlösen. Diesen Satz habe ich von einem der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Karl Popper, geklaut. Denn der hat einmal ein Buch geschrieben, das einen ganz ähnlichen Titel trug.1 In diesem Beitrag erkläre ich, warum der Satz stimmt – und warum Konfliktlösen ohne Verstehen in der Regel nicht möglich ist.
Der Beitrag begleitet das erste Video meiner fünfteiligen Reihe „Das Verstehen im Konfliktfall“. In den folgenden drei Videos zeige ich an Fällen aus meiner Praxis – aus dem Arbeitsrecht, dem Strafrecht und dem Vertragsrecht –, warum das Verstehen der eigenen Position und der Position des Gegenübers die Grundlage jeder Konfliktstrategie ist. Im fünften Video hebe ich diese Gedanken auf eine andere Ebene – eine Überraschung, wenn Sie so wollen.
Was ist ein Konflikt?
In der Wissenschaft spricht man von einem kognitiv dissonanten Zustand.2 Das klingt komplizierter, als es ist. Es bedeutet: Wahrnehmungen passen nicht zusammen. Ich will etwas – und ich bekomme es nicht. Ich glaube, dass etwas so ist – und es ist anders. Diese widersprüchlichen Wahrnehmungen erzeugen Spannung. Dissonante Zustände sind unharmonisch. Und das ist der Konflikt, der nach Auflösung schreit, weil wir Harmonie regelmäßig mehr schätzen als schräge Töne.
Am Anfang fast jedes Konflikts steht ein Missverständnis. Ein einfaches Beispiel: Ein kleines Kind will auf ein Schaukelpferd. Aber seine Beine sind zu kurz, es kommt nicht hinauf – und fängt an zu schreien. Das sind dissonante Kognitionen: Ich will auf das Pferd, und ich komme nicht hinauf. Das Missverständnis dahinter: Das Kind hat die Länge der eigenen Beine falsch eingeschätzt.
Was kann das Kind tun? Es gibt drei Möglichkeiten.
Erste Möglichkeit: Schreien. Mama kommt und setzt das Kind aufs Pferd. Problem gelöst – vorübergehend. Die Beine sind immer noch zu kurz, das Pferd ist immer noch zu hoch. Viel gewonnen hat das Kind nicht.
Zweite Möglichkeit: Das Schaukelpferd ist sowieso doof. Das ist auch eine Lösung, manchmal sogar eine gute. Jedenfalls wird damit die dissonante Kognition aufgelöst und die Harmonie wiederhergestellt.
Dritte Möglichkeit: Anstrengen, eine Unterlage suchen, einen anderen Weg finden. Das Kind beschäftigt sich zwei Stunden mit dem Problem, scheitert vielleicht – und sagt sich am Ende: Nächstes Jahr kriege ich dich. Das wäre tiefes Verstehen: Die eigene Position und die Natur des Schaukelpferdes werden wirklich erfasst.
Interessant ist: Diese drei Wege entsprechen ziemlich genau den Strategien, die die Psychologie für die Auflösung kognitiver Dissonanz beschreibt – eine Kognition ändern, eine neue hinzufügen oder eines der widerstreitenden Elemente abwerten.2 Wer glaubt, das habe mit seinem Leben wenig zu tun: Ich bin anderer Meinung.
Das Eisberg-Modell: 80 Prozent liegen unter der Oberfläche
Kommen wir zu dem, was Konflikte so schwer macht. Es gibt ein Modell – oft Sigmund Freud zugeschrieben –, das als Eisberg-Modell bekannt ist.3 Die Idee: Nur 20 Prozent unseres Wahrnehmens, Denkens und Handelns sind uns wirklich bewusst. 80 Prozent liegen unter der Oberfläche – gesteuert von Gefühlen, Ängsten, Bedürfnissen und Erfahrungen, die wir selbst nicht sehen.
Ein Beispiel: Sie haben ein neues Auto gekauft. Sie haben lange überlegt, Modelle verglichen, Freunde befragt, sind Probe gefahren. Und dann haben Sie sich entschieden. Beruhte diese Entscheidung wirklich auf rationaler Analyse? Oder ging es doch um die Befriedigung eines Bedürfnisses, dessen Sie sich gar nicht so bewusst sind? Die Forschung spricht für Letzteres – und zwar seit langer Zeit: Ein großer Teil unserer Urteile und Entscheidungen entsteht in schnellen, automatischen, unbewussten Prozessen und wird erst nachträglich rational begründet.3
20 Prozent Bewusstsein – das ist nach diesem Modell schon der Durchschnitt. Wer bei 50 Prozent liegt, gehört zur Klasse der Meister. Das sage ich nicht herablassend: Es gilt für mich genauso.
„Erkenne dich selbst“ – dieses Postulat, das man Sokrates zuschreibt,4 ist nicht zufällig eine der bekanntesten Forderungen der westlichen Geistesgeschichte. Es ist deswegen so bekannt, weil es so schwer ist. Es ist die große Aufgabe des Lebens, an der wir alle zwangsläufig immer wieder scheitern.
Verhandeln oder kämpfen: kooperative und kompetitive Konfliktlösung
Bisher war von inneren Konflikten die Rede. Jetzt geht es um die Konflikte mit anderen. Wenn Sie sich selbst schon nicht vollständig verstehen – warum sollten Sie den, mit dem Sie im Streit liegen, besser verstehen wollen als sich selbst? Warum sollten Sie ihn besser verstehen können? Und dennoch: Sie müssen es versuchen. Beide Seiten zu verstehen ist die Voraussetzung für jede erfolgreiche Konfliktstrategie.
Die Konfliktforschung unterscheidet zwei Grundformen der Auseinandersetzung.5 Nachhaltig – weil sie die Beziehungen der Konfliktparteien nicht beschädigt oder zerstört – sind kooperative Konfliktlösungen, mit anderen Worten: Verhandeln. Nur ein verhandeltes Ergebnis hat die Chance, von beiden Parteien getragen zu werden und damit für längere Zeit Harmonie herzustellen.
Diese Videoreihe ist der kompetitiven Form der Auseinandersetzung gewidmet – dem Krieg. Wenn Verhandeln nicht in Betracht kommt, muss man kämpfen. Am besten mit Verstand.
Hier sind wir bei Carl von Clausewitz, der gesagt hat: „Um die Mittel zu bestimmen, die wir einzusetzen haben, müssen wir den politischen Zweck unsererseits und den des Gegners bedenken. Wir müssen die Kräfte und Verhältnisse des Gegners und die unseren in Betrachtung ziehen, den Charakter seiner Regierung, seines Volkes, die Fähigkeiten beider.“6 Man kann das auch einfacher ausdrücken: Wenn ich in den Krieg ziehen will, muss ich die Waffen bestimmen – und das kann ich nur gut erledigen, wenn ich mich und den Gegner genau kenne.
Ich kann noch einen nennen, der gemeinhin als Strategiegenie gilt: Machiavelli. Nichts sei für einen Feldherrn notwendiger und nützlicher, als die Entschlüsse und Absichten des Feindes zu kennen.7
Kinshasa 1974: Ali gegen Foreman
Das gilt für den Krieg. Das gilt aber auch für jede andere kompetitive Auseinandersetzung. Das vielleicht schönste Beispiel dafür stammt aus dem Boxring.8
Kinshasa, 1974: Muhammad Ali gegen George Foreman. Foreman war jünger, stärker, unbesiegt – er hatte seine letzten Gegner reihenweise in den ersten Runden zerlegt. Ali war 32 und galt als zu alt. Die ganze Welt rechnete mit einer Katastrophe.
Ali hatte etwas getan, was fast niemand tut: Er hatte sich selbst verstanden. Den offenen Schlagabtausch verliere ich. Aber ich kann einstecken wie kein Zweiter. Und ich habe Kondition. Und er hatte den Gegner verstanden: Foreman ist ungeduldig. Er setzt alles auf die frühe Entscheidung. Er schlägt sich leer.
Also lehnte sich Ali acht Runden lang in die Seile und ließ sich verprügeln. Sein eigenes Team war entsetzt. Es sah aus wie eine Niederlage – weil niemand außer Ali beide Positionen verstanden hatte. In der achten Runde war Foreman erschöpft. Ali schlug zu. K. o.
Ali hat diesen Kampf nicht mit den Fäusten gewonnen. Er hat ihn mit Verstehen gewonnen – Wochen vorher.
Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Verstehen ist nicht Verständnis. Ali hatte kein Mitgefühl mit Foreman. Er hat ihn analysiert.
Was das für Rechtsfälle bedeutet: Da mihi facta, dabo tibi jus
Rechtsfälle sind juristisch relevante Konflikte. Sie landen häufig vor Gericht, das für die Parteien den Streit entscheidet. Die Justiz wird dargestellt als Justitia – eine Dame, die die Augen verbunden hat und eine Waage in der Hand hält. Die Parteien sollen ihre Argumente auf die Waage legen, damit das Gericht entscheiden kann, welche Argumente schwerer wiegen.
Für die Parteien gibt es dazu einen Satz, den ich oft zitiere: Da mihi facta, dabo tibi jus.9 Justitia sagt zu den Parteien: Gebt mir die Fakten, dann gebe ich Euch das Recht.
Diese Aufgabe setzt Verstehen voraus. Nur wer den Sachverhalt und die unterschiedlichen Positionen wirklich und tief versteht, kann sie so erklären, dass Justitia die eigene Darstellung für überzeugender und die eigenen Argumente für schwerwiegender hält.
Und natürlich gehört zum Verstehen in diesen Fällen manchmal auch das Verstehen der Justitia selbst – die leider oft keine so hehre Gestalt ist, sondern eben auch nur ein Mensch: ausgestattet mit den gleichen Vorurteilen, Gefühlen und Bedürfnissen, die allen Menschen eigen sind, und deren Entscheidungen bisweilen mehr mit dem Eisberg-Modell zu tun haben, als es wünschenswert wäre.10
Nur wenn es gelingt, einen Konflikt mit tiefem Verstehen zu betrachten – die eigene Position, die Position des Gegners, die wahrscheinliche Einschätzung des Gerichts zum Sachverhalt –, lässt sich die Strategie richtig anlegen. Dann erst kommt das, was natürlich auch dazugehört: die juristisch zutreffende Bewertung. Und nach all dem kann man entscheiden, ob man vor Gericht zieht und klagt, ob man lieber kleine Brötchen backt – oder ob man, wo es möglich ist, eine außergerichtliche Lösung sucht.
Ganz entsprechend lässt sich mit allen anderen Konflikten umgehen. Denn alles Leben ist Konfliktlösen.
Wenn Sie Fragen zu einem aktuellen Konflikt haben, können Sie über meine Homepage einen Termin für eine kostenlose Ersteinschätzung buchen.
Quellen und Anmerkungen
- Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik. Piper, München 1994. – Poppers These: Alles Denken ist problemlösendes Denken; alle Lebewesen sind ständig damit beschäftigt, Probleme zu bewältigen. Die Formulierung „Alles Leben ist Konfliktlösen“ ist meine inhaltliche Weiterführung, keine wörtliche Übernahme. Vgl. PIPER.DE
- Der Begriff der kognitiven Dissonanz geht auf den amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger zurück: A Theory of Cognitive Dissonance, Stanford 1957. Festinger beschreibt den psychischen Druck, der entsteht, wenn zwei gleichzeitig gehaltene Kognitionen unvereinbar sind – und die Strategien, mit denen Menschen diese Dissonanz auflösen: eine Kognition ändern, eine neue hinzufügen oder eines der widerstreitenden Elemente abwerten. Die drei Schaukelpferd-Optionen entsprechen ziemlich genau diesen Strategien. Vgl. WIKIPEDIA – KOGNITIVE DISSONANZ
- Das Eisberg-Modell wird populär Sigmund Freud zugeschrieben; in dieser Bildform hat Freud es allerdings nie verwendet. Es ist eine anschauliche Vereinfachung seiner Unterscheidung von Bewusstem, Vorbewusstem und Unbewusstem; als Metapher verbreitet wurde der Eisberg später vor allem durch den Anthropologen Edward T. Hall (The Silent Language, 1959). In der Sache ist der Kern des Modells heute gut belegt: Die moderne Kognitionspsychologie – prominent etwa Daniel Kahneman (Schnelles Denken, langsames Denken, 2011) – zeigt, dass ein großer Teil unserer Urteile und Entscheidungen in schnellen, automatischen und unbewussten Prozessen entsteht und erst nachträglich rational begründet wird. Vgl. SPEKTRUM.DE – LEXIKON DER PSYCHOLOGIE
- „Erkenne dich selbst“ (griechisch gnôthi seautón) ist als Inschrift des Apollon-Tempels in Delphi überliefert. Sokrates machte das Postulat zum Ausgangspunkt seiner Philosophie: Wer sich selbst nicht kennt, kann keinen Anspruch auf Wissen erheben. Ob es sich tatsächlich um eine Tempelinschrift handelte oder um eine spätere gelehrte Tradition, ist historisch nicht mit letzter Sicherheit geklärt – dem Gedanken tut das keinen Abbruch. Vgl. STANFORD ENCYCLOPEDIA OF PHILOSOPHY – SOCRATES
- Die Unterscheidung zwischen kooperativen und kompetitiven Konfliktverläufen ist ein Grundbaustein der modernen Konfliktforschung und geht maßgeblich auf den Sozialpsychologen Morton Deutsch zurück (The Resolution of Conflict: Constructive and Destructive Processes, Yale University Press 1973). Deutsch zeigte, dass kooperative Prozesse die Beziehung der Parteien erhalten und tragfähige Ergebnisse hervorbringen, während kompetitive Prozesse zur Eskalation neigen. Der Standardtext zur kooperativen Verhandlungsführung ist das Harvard-Konzept: Roger Fisher / William Ury / Bruce Patton, Getting to Yes, 1981. Vgl. WIKIPEDIA – MORTON DEUTSCH
- Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk, hrsg. von Marie von Clausewitz, Berlin 1832–34. Die zitierte Passage ist eine sinngemäße, leicht gekürzte Fassung aus dem Achten Buch (Kriegsplan). Clausewitz zählt dort auf, was in die Analyse einfließen muss: der politische Zweck beider Seiten, die Kräfte und Verhältnisse des feindlichen Staates und des eigenen, der Charakter der Regierung und des Volkes, die Fähigkeiten beider. Volltext beim Projekt Gutenberg-DE: PROJEKT-GUTENBERG.ORG – CLAUSEWITZ, VOM KRIEGE
- Niccolò Machiavelli: Discorsi sopra la prima Deca di Tito Livio (Abhandlungen über die ersten zehn Bücher des Titus Livius), Buch III, Kapitel 18. Die Kapitelüberschrift lautet: „Nichts ist eines Feldherrn würdiger, als die Absichten des Feindes zu erahnen“. Die Formulierung „notwendiger und nützlicher“ gibt Machiavelli dort als Ausspruch des thebanischen Feldherrn Epaminondas wieder. Originaltext: WIKISOURCE – DISCORSI III, 18
- Der „Rumble in the Jungle“ fand am 30. Oktober 1974 in Kinshasa (Zaire, heute Demokratische Republik Kongo) statt. George Foreman war ungeschlagener Weltmeister im Schwergewicht, Muhammad Ali mit 32 Jahren der Herausforderer, dem kaum jemand eine Chance gab. Alis Taktik, sich über Runden in die Seile zu lehnen und Foreman schlagen zu lassen, ging als „Rope-a-Dope“ in die Boxgeschichte ein. Der K. o. fiel in Runde acht. Vgl. WIKIPEDIA – RUMBLE IN THE JUNGLE
- Da mihi facta, dabo tibi jus – „Gib mir die Fakten, ich gebe dir das Recht“ – beschreibt den sogenannten Beibringungsgrundsatz des Zivilprozesses: Das Gericht entscheidet auf Grundlage des von den Parteien vorgetragenen Sachverhalts; es stellt keine eigenen Ermittlungen an. Wer den Sachverhalt nicht vollständig und überzeugend vorträgt, kann verlieren, selbst wenn er materiell im Recht wäre. Vgl. § 138 ZPO: DEJURE.ORG – § 138 ZPO
- Dass richterliche Entscheidungen von außerrechtlichen Faktoren beeinflusst werden können, ist empirisch gut untersucht. Berühmt wurde die Studie von Shai Danziger, Jonathan Levav und Liora Avnaim-Pesso: Extraneous factors in judicial decisions, PNAS 2011 – danach entschieden israelische Richter kurz vor der Mittagspause deutlich härter als kurz danach. Die Studie ist methodisch nicht unumstritten, steht aber symptomatisch für eine ganze Forschungsrichtung. Ich erwähne das nicht, um das Vertrauen in die Justiz zu erschüttern – sondern damit niemand naiv in einen Prozess geht. Vgl. PNAS.ORG – EXTRANEOUS FACTORS IN JUDICIAL DECISIONS